ZEITSTROM

Ein aktives Geschichtsprojekt

Über 60 Jahre wurde die Rhein-Neckar Region durch ein deutsch-amerikanisches Miteinander geprägt. Im Raum Mannheim und Heidelberg war seit dem 2. Weltkrieg die drittgrößte amerikanische Garnison in Europa stationiert. Mit dem vollständigen Abzug der US Armee aus der Region sollen die Liegenschaften – ehemalige Militärflächen ebenso wie Wohngebiete – in neue, zivile Nutzungen überführt werden. Dabei soll gleichzeitig die Erinnerung an die gemeinsame deutsch-amerikanische Vergangenheit in der Region für künftige Generationen wach gehalten werden.

Seit 2015 wird ein Teil der sogenannten Konversionsflächen für die Unterbringung von bis zu 12.000 Flüchtlingen genutzt. Gerade in diesem Kontext sind Initiativen notwendig, die der aktuellen Situation Rechnung tragen und den Weg für ein neues Miteinander in Mannheim ebnen.

Mit dem Projekt ZEITSTROM bündelt die Stadt Mannheim bestehende Bürgerideen und Initiativen unter einem gemeinsamen Dach. Das aktive Geschichtsprojekt wird die Geschichte der Amerikaner in Mannheim und deren Eintrag in das kulturelle Leben der Stadt bis heute betrachten, wird sich um die Verfasstheit unserer Demokratie kümmern und die Gegenwart wie die Zukunft der neu entstehenden Stadtviertel bearbeiten. Ein Teilprojekt schaut aber auch zurück in die prähistorische Vorgeschichte der Region und zu den Ursprüngen von Mannheim.

ZEITSTROM erhebt keinen Anspruch auf historische Vollständigkeit. Vielmehr werden bewusst einzelne Schlaglichter auf die Geschichte der Stadt geworfen, die im Laufe der Zeit auch ergänzt oder verändert werden können und sollen. Geschichte soll aktiv als dynamischer Prozess erlebbar gemacht werden.

beier+wellach projekte berät die Stadt Mannheim und die Projektentwicklungsgesellschaft MWSP bei der Konzeption und Entwicklung des Projekts ZEITSTROM. Für ausgewählte Teilprojekte, insbesondere für temporäre und Dauerausstellungen sowie für die sogenannte „Friendshipline“ übernimmt beier+wellach alle gestalterischen, planerischen und inhaltlichen Leistungen bis zur Vergabe. beier+wellach zeichnet zudem verantwortlich für das übergeordnete Kommunikationskonzept und das Corporate Design des Projekts ZeitStrom, einer neuen Marke der Stadt Mannheim.

 

Kategorie Projektentwicklung

Auftraggeber Stadt Mannheim

Zeitraum Leistungserbringung: seit Dezember 2015
Eröffnung ZEITSTROM-HAUS / "ZEITSTROM - Was ist das?": 12. Juli 2016

Ort Mannheim

Leistungen Idee und Entwicklung, Masterplan, Kuratorium, Konzeption, didaktisches Vermittlungskonzept, dramaturgische und raumbildnerische Gestaltung, Grafik- und Lichtkonzept, Exponat- und Medienentwicklung, inhaltliche Ausarbeitung, Text-, Bild- und Medienredaktion, Ausschreibung und Vergabe, Produktionsüberwachung, Kommunikations- und Marketingkonzept, Werbegrafik, Beratung

ZEITSTROM-Haus

Das ZEITSTROM-Haus ist ein multifunktionales Veranstaltungshaus für Ausstellungen, Workshops, Tagungen oder Diskussionen. Es bündelt die verschiedenen Teilprojekte und wird zum Zentrum für ZEITSTROM. Die ehemalige Vorschule des Benjamin Franklin Village - mitten im neuen FRANKLIN Field - ist geradezu ideal für die öffentliche Funktion des Hauses. Hier wird an die Präsenz der Amerikaner in Mannheim erinnert - an ihr alltägliches Sein in der Stadt. Hier, wo die Kinder der G.I.s auf die Schule und das Leben in Deutschland vorbereitet wurden, wird aber auch nach vorne geschaut und über die Zukunft der Demokratie und der offenen Gesellschaft diskutiert.

Nach der ersten Konzeptausstellung „ZEITSTROM - Was ist das?“ wird ein Besucherzentrum für FRANKLIN entstehen - ein ständiger Anlaufpunkt für die Auseinandersetzung mit der zukünftigen Entwicklung des Quartiers und der Geschichte des Benjamin Franklin Village.

ZEITSTROM-Archiv
Die MWSP sammelt und katalogisiert verwertbare Gegenstände auf dem Gelände und aus den Kasernengebäuden, vor allem aus denjenigen, die abgerissen werden. Wichtige Erinnerungsstücke gehen ins ZEITSTROM-Archiv und können gesichert werden. Die so entstehende Sammlung von Großexponaten wird ausgewertet und nutzbar gemacht für die Ausstellungen von ZEITSTROM. Der neu eingerichtete FRANKLIN Store macht es aber auch möglich, sich ein Stück Mannheimer Geschichte für zu Hause mitzunehmen.

Projektbaustein: Amerikaner in Mannheim - Erinnern für die Zukunft

Über 60 Jahre waren die Amerikaner in Mannheim. Sie werden Teil der Stadtgesellschaft. Mehr als 500.000 Amerikanern kommen von 1945 bis 2015 nach Mannheim, leben und arbeiten hier. Heute stehen ihre Wohnungen, Schulen und Supermärkte leer und werden größtenteils abgerissen. Neue Wohngebiete, ganze Stadtviertel, entstehen auf den 300 Hektar großen Konversionsflächen.

„Amerikaner in Mannheim“ will als Teilprojekt von ZEITSTROM diese Geschichte bewahren und mit ganz verschiedenen Projekten Erinnerung ermöglichen. Ausgearbeitet werden Rundgänge auf den ehemaligen Barracks und durch die Stadt oder auch eine Rundfahrt mit der „Friendshipline“. Die Projekte zeigen lebendige amerikanische Geschichte. Ein Besucherzentrum im ZEITSTROM-Haus wird die Alltagsgeschichte der Amerikaner im Benjamin Franklin Village erzählen und auch einen Blick in die Zukunft der neuen Stadtviertel werfen.

Rundgänge
ZEITSTROM entwickelt für alle Konversionsflächen historische Rundgänge als Dauerausstellungen im Außenraum mit thematischen Schwerpunkten. Auf FRANKLIN wird der Fokus auf der Alltagsgeschichte der US-amerikanischen Soldaten und ihrer Familien liegen, auf Turley auf der Transformation einer kaiserlichen in eine amerikanische Kaserne und deren Nutzungsgeschichte. Auf dem Gelände der ehemaligen Taylor Barracks entwickelt der Künstler Philipp Morlock mit seinem Zeitstationen-Projekt einen Skulpturenrundweg, der Geschichte und Kunst zusammenbringt. Die Rundgänge werden durch mediale Erweiterungen zu ganz eigenen Ausstellungsräumen.

Begegnungen
Der Stadtrundgang „Amerikaner in Mannheim“ will in ganz Mannheim die deutsch-amerikanische Beziehungsgeschichte sichtbar machen. Angelehnt an die durch das Stadtarchiv eingerichteten Stadtpunkte öffnet er den Blick auf die gemeinsame Geschichte und ermöglicht Erinnerung über die Konversionsflächen oder die Zeit nach 1945 hinaus. Interessante Begegnungen mit längst vergessenen Personen, Ereignissen oder Orten fügen der reichen Stadtgeschichte Mannheims neue Aspekte hinzu. Das reicht von dem Besuch des späteren Präsidenten der USA Thomas Jefferson im Jahre 1788 und der badischen Revolutionären wie Franz Sigel, Gustav Struve und Friedrich Hecker über zu den amerikanischen Musikclubs und den Baseballclub "Tornados" bis zur Popakademie.

Friendshipline
Ein Straßenbahnzug wird zum Geschichtenerzähler des American Way of Life in Mannheim. Die Linie 5 - eine Ringbahn durch Mannheim, Heidelberg und Weinheim - verbindet fast alle Konversionsflächen amerikanischer Militäreinrichtungen in Mannheim und Heidelberg mit den Zentren der jeweiligen Städte. In Zukunft wird die Friendshipline die Innenstadt Mannheims offensiv mit dem neuen Stadtteil FRANKLIN vernetzen. Im Vorbeifahren erzählt die Bahn die kulturelle Identität und Geschichte der neuen Stadtquartiere. Die Bahn wird zum touristischen Highlight. Sie bietet nach der Umrüstung eine kostenfreie thematisch fokussierte Stadtführung an. Die Realisierungsmöglichkeiten des Projekts werden gerade gemeinsam mit der RNV geprüft.

City of Music
Bereits 1945 entstehen erste G.I.Clubs in Mannheim. Sie schaffen eine Plattform für talentierte deutsche und amerikanische Musiker. Besonders gefragt sind Stücke aus den Musikgenres Jazz, Swing und Country Music. Der „Top Hat Club“ im Village wird in den 1970ern zum beliebtesten Club der Garnison. Die Mannheimer Clubs prägen eine ganze Generation von Nachkriegsmusikern bis heute. Kultstatus genießt zudem der Soldatensender American Forces Network (AFN). 2004 zieht das Hauptquartier von Frankfurt a.M. in die Mannheimer Coleman Barracks. Gemeinsam mit der Popakademie wird ZEITSTROM das reiche musikalische Erbe der amerikanischen Soldaten in Mannheim aufarbeiten und auch musikethnologisch zeigen, warum Mannheim DIE „City of Music“ ist.

Projektbaustein: Haus der Demokratie - positive Erinnerungskultur

Das „Haus der Demokratie“ ist ein wichtiger Baustein des ZEISTROM-Projekts. Es bettet die Erinnerung an das amerikanische Leben in Deutschland und seine kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Wirkungen in die Geschichte der europäischen Demokratieentwicklung ein. Mannheim ist ein gegebener Ort für ein derartiges Projekt: Es war Ausgangspunkt der Revolution von 1848/49 und zentraler Fokus der Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert; es gehörte auch in den Jahren nach 1945 zu zentralen Stätten der Demokratieentwicklung in Deutschland, die dezidiert mit der US-Präsenz eng verknüpft ist. Eine derartige Initiative ist zeitgemäß und überfällig, denn die liberale Demokratie sieht sich in der Welt in die Defensive gedrängt und scheint auch in demokratischen Kernländern des Westens, wie eben Deutschland und die USA, an Attraktivität und Selbstverständlichkeit zu verlieren.

Das „Haus der Demokratie“ will ein Zeichen setzen, und zur kritischen Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Entscheidungen einladen. Wir wollen dabei sowohl historisch als auch verstärkt gegenwartsbezogen arbeiten. Während sich die Erinnerungspraxis in Deutschland oftmals in einem ‚nie wieder‘ verdichtet, stellt das „Haus der Demokratie“ stärker auf den Zukunftsbezug und aktuelle Probleme ab.

Geplant sind Workshops, Seminare und Vortragsveranstaltungen. Dabei soll es in unterschiedlichen Formaten darum gehen, die Widersprüche, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu thematisieren, vor denen Demokratie als Lebensform und politische Praxis in unserer globalisierten Einwanderungsgesellschaft steht. Mittelfristig soll auch eine Ausstellung zu „Orten der Demokratie in Mannheim“ bzw. Süddeutschland erarbeitet werden. Erste Partner sind schon eingeworben. Die Point Alpha Stiftung ist einer davon.

Projektbaustein: NATURZEIT - wie Mannheim entstand

Mit dem Abzug der US- Truppen werden riesige Areale frei, in denen sich die Natur - teilweise unter einzigartigen Bedingungen - wieder Flächen zurückerobert hat. Das Teilprojekt „Naturzeit“ will mit einem Naturerlebnispark die älteste Geschichte Mannheims auf diesen Flächen wieder erfahrbar machen. Mit einem pädagogischen Konzept, das die praktische Beteiligung an z.B. Nachbildungen urzeitlicher Lebenswelten, von Steinzeithäusern oder einem Römerschiff in den Vordergrund stellt, werden die Themen dauerhaft interessant für Besucher gestaltet und erlebbar gemacht. Lebensechte Rekonstruktionen von Tieren und die Beweidung der weitläufigen Flächen auf beispielsweise Coleman mit ursprünglichen Tierrassen bilden landschaftliche Bereiche des Erlebnisraumes.

Ziel des Projekts „Naturzeit“ ist es, eine profunde und erlebnisreiche Ausstellung urzeitlicher Themen mit einem Naturzeiterlebnispark aus Mitmach- und Freizeitangeboten zu verbinden und so auch Besucher überregional anzusprechen.

Zeitreisehaus - Zentrum von NaturZeit
Zentraler Anlaufpunkt des Projekts ist das „Zeitreisehaus“, welches auf einer Fläche von 2.000 bis 3.000 qm Raum für Dauer- und Wechselausstellungen im Unter-und Erdgeschoss bietet. Neben Räumlichkeiten für Betrieb und Shop, enthält es auch einen gastronomischen Bereich, der für Besucher des öffentlichen Landschaftsparks frei zugänglich ist. Beginnend mit dem Eingang im Untergeschoss und dem folgenden Ausstellungsbereich werden Besucher durch szenarisch gestaltete Räume geführt und mit den Lebensräumen längst vergangener, erdgeschichtlicher Epochen konfrontiert. Über das Erdgeschoss betritt man schließlich im Außenbereich eine eiszeitlich, gestaltete Steppenlandschaft mit realistisch wirkenden Eiszeittieren, wie beispielsweise Mammuts. Einer der Standorte könnte etwa in einem zukünftigen BUGA-Gelände erfolgen. Bezüglich der Konversionsflächen kämen die Spinelli Barracks, aber auch die Coleman Barracks in Frage.

FRANKLIN - Biotope
Ein Lehrpfad durch die auf FRANKLIN in der Zeit der amerikanischen Nutzung entstandenen Biotope verbindet den urzeitlichen Themenpark mit dem Heute. Der Pfad korrespondiert mit dem historischen Rundgang auf FRANKLIN und ergänzt die Geschichte der amerikanischen Nutzung mit den Auswirkungen auf die Natur. Schülergruppen und Besucher können so durch die Grünflächen des neuen Stadtviertels geführt werden. Praktische Versuchsfelder für Kinder und Jugendliche ermöglichen aber auch das eigenständige Erkunden der aktuellen Landschaft auf den Konversionsflächen.

Projektbaustein: Aktuelle Tendenzen - Zuflucht finden

Seit August 2015 sind in den Funari und Sullivan Barracks sowie im Columbus-Quartier im Benjamin-Franklin -Village Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge eingerichtet. Das Columbus-Quartier wird voraussichtlich bis Ende 2018 zur vorübergehenden Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden.
Dies bedeutet ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Stadt. Ähnliche Unterbringungen gab es auf dem heutigen Turley-Gelände nach dem 2. Weltkrieg für sogenannte „Displaced Persons“ und in der Funari Kaserne zur Besatzungszeit für osteuropäische „Fremdarbeiter“ der US-Armee.
Auch diese Kapitel der Nutzung der ehemaligen amerikanischen Liegenschaften soll seinen Platz im ZEITSTROM-Projekt finden u.a. durch Schreibwerkstätten, Ausstellungen und Bildungsorte.

Schreibwerkstätten
Kreatives Schreiben in Schreibwerkstätten wirkt der Entfremdung entgegen und schärft die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Unterschiedliche Schreibmethoden regen die Phantasie an. Individuelles Clustering, setzt Assoziationen zu einem Hauptbegriff frei. Schreiben in wechselnden Heften ermöglicht Erlebnisse gemeinsam auszudrücken und zu verarbeiten. In vierminütigen Rhythmus setzen die Teilnehmer*innen begonnene Geschichten ihrer Nachbar*innen fort. Daraus entstehen neue Sichtweisen auf ein „Schicksal“. Für die Verarbeitung der Emigration- und Immigrationserlebnisse hat kreatives Schreiben in der Muttersprache eine integrative Wirkung. Das Schreiben spannt einen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart und in die Zukunft. Den Teilnehmer*innen erschließen sich neue Perspektiven. In den wöchentlichen Schreibwerkstätten tauschen sich Flüchtlingsfrauen und -mädchen über Themen wie Fremde, Heimat und Träume aus.
 

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„Erinnerungen mit Blick in die Zukunft“,
morgenweb, 27.04.2016
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Interview mit Peter Wellach
FRANKLIN Newsletter, April 2016
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